Thursday 28-08-2008,
“ A piece of wood in the yellow sea...”
so hieß der Blues, den der Geschäftsführer unseres Sponsors Manroland am abend nach dem Olympischen Medalrace auf der Bühne der “New York”-Bar in Qingdao zusammen mit der Band improvisierte. Die deutschen Olympiasegler feierten den Abschluß der Segelwettbewerbe und half uns auf humorvolle, ironische Art und Weise über den kaum zu fassenden Schock des Tages hinweg zu kommen. Doch was war eigentlich passiert?
Es ging alles so schnell und ich kann bis heute kaum begreifen, wie rabiat Florian und ich zum Ende des ersten Downwinds aus dem Medaillenrennen gekegelt wurden. Die Ausgangssituation war klar. Um eine Medaille zu gewinnen, mussten wir uns vier Plätze vor den argentinischen Tornadoseglern Lange/Espignola platzieren. Nach verhaltenem Start konnten wir die Argentinier Mitte der ersten Kreuz überlaufen und kamen als 6. und 8. an die Luvtonne. Vormwind hieß es “raus aus dem Strom”, die Landseite spielen und kämpfen! Noch beim Gennakersetzen packten wir uns die Holländer und rauschten bei knapp 20 Knoten Wind über die steilen, vom Strom aufgebrachten Wellen in Richtung Zuschauertribüne. Die Italiener und Spanier hatten sich für eine schnelle Halse entschieden, blieben im Strom stecken und damit auch hinter uns. An dritter Stelle liegend hatten wir nun ausreichend Boote zwischen uns und die Argentinier gebracht, lagen für einen Moment auf Bronzekurs, bis das Unbeschreibliche passierte. Ein dumpfer Schlag am Leeruder, das sofort aus der Verankerung schnellte und das Boot war außer Kontrolle. Wir waren gegen ein Stück Treibholz gefahren. Der Tornado legte sich augenblicklich auf die Seite. Florian und mir blieb aus 3 Meter Höhe nur noch der beherzte Sprung ins gelbe Meer, möglichst ohne uns dabei gegenseitig, oder an Wanten oder Großbaum zu verletzen. Als ich wieder auftauchte sah ich mit einem Auge Florian, unverletzt, und mit dem anderen Auge das Boot, wegtreibend. Ich dachte nur, “das darf nicht wahr sein” und sah sofort, daß das Boot in perfekter Lage zum wieder aufrichten gegen den Wind lag. Auch im Tornado kann man in solchen Situationen das Boot in wenigen Sekunden wieder aufrichten. Also gabs nur eins: die 100 Meter Freistilzeit von Michael Phelps pulverisieren und wieder ran ans Boot. Florian hatte den gleichen Gedanken. Sekunden zuvor segelten wir noch im Olympiamedaillen, jetzt schwammen wir entsetzt, aber immer noch mit vollem Einsatz um unsere letzte Hoffnung. Der Surfschuh verabschiedete sich, die schweren Klamotten für Starkwind sogen sich immer voller, alles andere als der hydrodynamische neue Nasa-Anzug der US-Schwimmer. Bei der ersten Zwischenzeit sah ich Florian knapp zurück, uns aber auch immer deutlicher hinter dem von Wellen und Wind getragenen Tornado verschwinden. Bei der zweiten Zwischenzeit und einigen tiefen Schlücken Chinawasser dann die Erkenntnis: nicht wir brechen den Schwimmrekord, sondern unser Boot. Ich wollte einfach nicht aufgegeben aber wir hatten nicht den Hauch einer Chance unseren Tornado zu erreichen, der einsam auf die Zuschauertribüne zu trieb. Florian griff unter Wasser meinen Fuß, zog mich zu sich heran, nahm mich in den Arm und sagte: “Junge, wir sind richtig gute Olympische Spiele gesegelt, ... aber das wars, das Ding ist gelaufen.” Es gab viele unbeschreibliche olympische Momente in China, dazu gehört mit Sicherheit auch unser Tagessieg. Aber diese Moment, wo ich noch die letzten Schlücke Chinawasser bekämpfte und realisierte was passiert war, werde ich nie in meinem Leben vergessen. Es war der Schlusstrich unter den Medaillentraum in Qingdao, aber auf der anderen Seite bestätigte es das, was Florian uns meinen bisherigen Tornadoweg ausgemacht hat. Wir waren ein super Team, das um jeden Meter “Bug Richtung Ziellinie” gekämpft hat und immer seine positive Einstellung behalten hat. Ein Juryboot sammelte uns ein, wir richteten den Tornado wieder auf und wir nahmen wie benebelt die Parade bei den tausenden Segelfans auf der Tribune ab. Der anerkennende Applaus , das Flaggenschwenken und die Zurufe der Zuschauer waren ergreifend und aufmunternd.
Unser Trainer Rigo meinte auf dem Weg zum Hafen: “Das war wohl ein schlechter Witz von Gott.”
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